Professur x Studium: Hinter den Kulissen eines multi-dimensionalen Lebens

Aktualisiert: Mai 11

Mit 38 nochmals zu studieren ist der größte Luxus, den ich mir bis dato gegönnt habe. Viele Menschen fragen mich wie das so ist, gleichzeitig Professorin und Bachelor-Studentin zu sein. Gute Frage! Wie ist das so? Es ist sehr vielseitig, interessant und tatsächlich weniger anstrengend als ich dachte. Wie sich mein „neues Leben“ anfühlt, wie ich den Überblick über meine vielfältigen Aktivitäten bewahre und was ich tue, damit mich meine verschiedenen Rollen und die damit einhergehenden Verpflichtungen nicht stressen, erzähle ich dir in meinem neuen Blog-Post. Hier geht es zu meinen vier Tipps für ein multi-dimensionales Leben!


Im September 2019 erhielt ich die Nachricht, dass ich als Professorin für Innovation und Change an die Berlin International University, eine sehr international ausgerichtete Hochschule für angewandte Wissenschaften mitten in Berlin, berufen werden würde. Seit Jahren arbeitete ich auf dieses Ziel hin und nun wurde es wahr. Wie genial! Nur wenige Tage später erfuhr ich dann, dass meine Bewerbung für ein Studium der Psychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin erfolgreich war. Wie bitte? Ich traute meinen Augen nicht! Wirklich? Ich hatte mich im Frühsommer beworben, weil es ein großer Lebenstraum von mir war, Psychologie zu studieren und ich mir später nicht vorwerfen wollte, dass ich es nie probiert hatte. Aber tatsächlich damit gerechnet, dass ich einen Studienplatz bekommen würde, hatte ich nicht: der NC für Psychologie lag bei 1,058. Hinzu kam, dass für das Zweitstudium das Diplom, nicht das Abi, ausschlaggebend war und mein Diplom zwar gut, aber nicht brillant war. Doch der Zulassungsbescheid war eindeutig: ich wurde als eine von vier Personen zum Zweitstudium zugelassen.


Unser Gehirn liebt Abwechslung


Ich war begeistert! Mein privates Umfeld eher weniger: „Dann bist du also Bachelor-Studentin? Ok...“ „Warum tust du dir das an?“ „Mutest du dir da nicht zu viel zu?“ Die Reaktionen waren zurückhaltend bis maximal neugierig, und auch ich selbst hatte meine Zweifel. Weniger, ob ich die verschiedenen Rollen und die damit einhergehenden Verpflichtungen unter einen Hut bekommen würde, sondern eher ob mein Gehirn noch fähig sein würde, so viel neues Wissen (auswendig) zu lernen. Mit Ausnahme meiner Bootsführerscheinprüfung hatte ich 15 Jahre lang nicht mehr wirklich gebüffelt. Doch passenderweise hatte ich gleich im ersten Semester drei Vorlesungen, die sich mit dem Gehirn und der Gedächtnisbildung beschäftigten: 1) Biologische Psychologie, 2) Allgemeine Psychologie und Denken und 3) Lernen und Gedächtnis. Dort durfte ich in Theorie lernen und in der Praxis erfahren, dass unser Gehirn dank der neuronalen Plastizität wirklich ein Leben lang fähig ist, neue Nervenzellen (Neurogenese) zu bilden und neue synaptische Verbindungen und Netzwerke zu schaffen. Hinzu kommt, dass unser Gehirn Abwechslung liebt: Forscher haben herausgefunden, dass das Gehirn sehr viel mehr neuronale Verbindungen schafft und sehr viel leistungsfähiger ist, wenn man ein abwechslungsreiches, vielseitiges Leben lebt.


Institut für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin

Während ich diesen Artikel schreibe, befinde ich mich mitten in der Klausurenphase. Am kommenden Freitag schreibe ich Biologische Psychologie I und ich sollte eigentlich lernen... Meine Wohnung ist sauberer denn je, ich mache aktuell ein- bis zweimal täglich Sport und habe unglaublich viele Dinge zu erledigen, die sich natürlich nicht verschieben lassen. Haha! Wer kennt das noch? Meine Studierenden an der Berlin International können sicher ein Lied davon singen. Sie waren einige Wochen vor mir mit den Prüfungen dran und jetzt in meiner eigenen Lernphase fühle ich mich nachträglich solidarisch mit ihnen. Manchmal frage ich mich, wie meine Studis es eigentlich finden, dass ich wieder studiere. Ich glaube, viele verstehen es nicht. In meiner ersten Vorlesung wurde ich darauf angesprochen, dass ich es doch gar nicht „nötig“ hätte noch einen Abschluss zu machen. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Ich glaube, ich habe ihnen daraufhin etwas von intrinsischer Motivation und lebenslangem Lernen erzählt. Vielleicht auch davon, wie schön es ist, seinen eigenen Stärken und Neigungen im Laufe des Lebens immer näher zu kommen.


Meine Tipps für ein multi-dimensionales Leben


Aber dazu ein anderes Mal mehr. In diesem Blogartikel möchte ich den Fokus darauflegen, was mir persönlich hilft, die verschiedenen Rollen unter einen Hut zu bekommen. Schließlich bin ich nicht „nur“ Hochschuldozentin und Studentin, sondern auch noch selbständiger Coach und Managementtrainerin.* Hier also meine persönlichen Tipps für ein multi-dimensionales Leben:


Planung mit Puffer

Bei meiner Professur handelt es sich um eine 50%-Stelle, was Raum schafft für andere Aktivitäten. Dennoch sind die Vorlesungen die ich halte fixe Termine an einem fixen Ort in Charlottenburg. Mein Studium jedoch findet in Adlershof statt und wer nicht ortskundig ist: es geht in Berlin kaum südöstlicher als Adlershof. Ich brauche 70 Minuten von meinem Arbeitsort zu meinem Studienort und umgekehrt. Wohnen tue ich in Mitte, was jeweils auch 30 bzw. 50 Minuten von der Hochschule und Uni entfernt liegt. Ich verbringe also viel Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln und die lässt sich mit dem vielen Umsteigen auch wenig effektiv nutzen. Der Horrortag war im letzten Semester mein Donnerstag, an dem ich morgens ab 9 Uhr an der HU in Adlershof, mittags um 13 Uhr an der BI in Charlottenburg und abends bis 22 Uhr in meiner Weiterbildung in Friedenau zu sein hatte. Es ist klar, dass in einem solchen Szenario Puffer eingeplant werden müssen und auch ein Plan B vorhanden sein muss, wenn beispielsweise die S-Bahnen ausfallen. Es hat geklappt – auch dank meiner anderen Prinzipien.


Kreative Effizienz

Eng mit der Planung verbunden ist die effiziente Nutzung von Zeit. Ich versuche kreativ zu sein in dem, wann, wie und wo ich Aufgaben erledige. Beispielsweise habe ich mir Audioaufnahmen von meinem Lernstoff gemacht, um diese in der S-Bahn oder während meiner Wanderungen in der Natur zu hören. Dann habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, vor bzw. zwischen den Vorlesungen, die ich an der HU besuche, meine Emails, die ich in meinen Rollen als Coach oder Professorin erhalte, zu beantworten. Das hilft mir dabei, meine Inbox schlank zu halten. Insgesamt spare ich auch viel Zeit, indem ich Menschen anrufe oder ihnen Voicemails schicke, um Dinge zu besprechen, anstatt stundenlang Wort für Wort in mein Handy oder meinen Laptop zu hacken. Und dann bin ich – wie du bereits aus meinem Artikel über Workstyle weißt – ein großer Fan von kreativen Arbeitsorten. Gerade in Phasen, in denen ich auch an Wochenenden arbeiten oder lernen muss, verlege ich meinen Arbeitsplatz an schöne Orte, die sich nicht nach Arbeit anfühlen. Das gibt mir ein Gefühl von Freiheit, Freizeit und Entspannung, obwohl ich produktiv bin.


Dynamische Priorisierung

Wenn es eine magische Formel in meinem Leben gibt, dann ist es die Art und Weise, wie ich priorisiere. Eine ambitionierte Planung ist wichtig und gut, aber nicht immer in die Realität umsetzbar: es kommen ungeplante Ereignisse dazwischen, die BVG streikt oder man fühlt sich nicht so gut. Wenn man dann am Plan festhält, wird es anstrengend für die Psyche (und für den Körper) und man braucht sich nicht wundern, wenn man sich im Anschluss zutiefst erschöpft fühlt. Aus diesem Grund habe ich 1) eine generelle Prioritätenhierarchie für meine Tätigkeiten aufgestellt, die ich 2) je nach täglichen Umständen dynamisch anpasse. Für mich haben beispielsweise meine Coaching- und Workshop-Klienten sowie meine Studierenden Priorität 1. Das Studium steht an zweiter Stelle und die Therapieausbildung auf Platz 3. Allem übergeordnet ist es mir wichtig, dass es mir gut geht. Bin ich emotional oder körperlich unfit, streiche ich Aktivitäten von der Prioritätenliste von unten nach oben. Es gab einzelne Tage, an denen es mir im letzten Semester nicht gut ging und an diesen habe ich es bevorzugt, ins Yoga oder ins Schwimmbad zu gehen, statt mich in den Vorlesungssaal zu setzen und zuzuhören.


Pareto statt Perfektion

Wenn du vielseitig leben und arbeiten möchtest, geht das nicht, wenn du dich täglich mit deinen hohen Zielen und Ansprüchen selbst stresst. Natürlich wäre es toll, einen Einserabschluss im Studium zu haben. Aber ganz ehrlich: es ist auch in Ordnung, einfach Neues zu lernen. Daher mache ich mich in allen Bereichen immer wieder frei von meinem selbst oder fremd auferlegten Ehrgeiz und genieße stattdessen die Vielfältigkeit der Eindrücke, Menschen und Erfahrungen, die mir mein neues Leben ermöglicht. Das Leben ist nicht perfekt und du musst es auch nicht sein. Es geht vielmehr darum, dass wir immer wieder ausprobieren, was gut funktioniert und was uns und unsere Mitmenschen glücklicher macht. Daher kann ich dir nur empfehlen, den Druck rauszunehmen, dir auf Wikipedia einmal den Eintrag zum Paretoprinzip durchzulesen und dir das Gelesene wirklich zu Herzen nehmen. Frage dich, ob es wirklich in jedem Moment notwendig ist, 80% deiner verfügbaren Energie für die bis zur Perfektion notwendigen 20% aufzuwenden. An vielen Stellen ist es notwendig, aber nicht an allen.


Mit Mut zu einem vielseitigen (Arbeits-) Leben


Wir sind nicht auf der Welt, um perfekt zu sein. Wir sind auf der Welt, um unsere Stärken und unser Potenzial voll auszuleben, denn damit bereichern wir die Welt am meisten. Wenn es also nicht in deiner Natur liegt, dich auf eine Ausbildung oder einen Beruf zu versteifen, dann traue dich, dir ein Leben zu erschaffen, das den verschiedenen Facetten deiner Persönlichkeit gerecht wird. Wenn ich das schaffe, schaffst du es auch! Ein vielseitiges Leben zu führen ist letzten Endes kein Hexenwerk. Es ist das Ergebnis einer ehrlichen Selbstreflexion, einer Suche nach dem eigenen Lebenssinn und einem dynamischen Selbstbild. Und auch hier gilt: der Weg ist das Ziel, aber der Weg will eben auch gegangen werden. Daher: let's go!

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Du interessierst dich für ein Coaching bei mir? Ab Frühjahr 2020 kann ich wieder neue Coaching-Klienten aufnehmen. Informiere dich hier und kontaktiere mich bei Interesse am besten unter mail@jessicadibella.de.

Wenn du dich für einen Vortrag zu dem Thema interessierst: Ich teile gerne auf kleinen und großen Bühnen mein Wissen und meine Erfahrungen rund um die Themen Self-Leadership, Resilienz und Change. Hier geht es zu mehr Infos über meine Vorträge. Terminanfragen bitte per E-Mail an mail@jessicadibella.de.


*Zur Komplexitätsreduktion lasse ich an dieser Stelle außen vor, dass ich bis März 2020 auch noch nebenbei eine Ausbildung in Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz mache.

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© 2020 Prof. Dr. Jessica Di Bella