Eine Ode an Köln: Selbstliebe und Spülwasser statt Berge und Bier

Aktualisiert: Feb 22

Haben Sie schon einmal eine „Spülwasser-Noagerl-Schorle“ getrunken? Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie das haben. Wie man sich als Ex-Münchnerin in Köln fühlt und was für mich den Charme des Rheinlands ausmacht, lesen (und schmunzeln) Sie selbst in meinem neuen Blog Post. Zum dritten Adventswochenende gibt es diesmal etwas ganz anderes auf meinem Blog: einen Artikel, den ich 2016 verfasst habe; ein Jahr nachdem ich von München nach Köln gezogen war. Insgesamt habe ich knapp drei Jahre in Köln gelebt. Ich liebe diese Stadt immer noch sehr und freue mich, dass ich dort immer wieder geschäftlich zu tun habe.


Mein Köln-Experiment nahm seinen Anfang im Januar 2015. Es war gerade erst die zweite Woche des neuen Jahres angebrochen und schon langweilte ich mich furchtbar. Zwar wohnte ich mitten in München-Schwabing, mit Blick auf die Münchner Freiheit, doch alle Freiheit half nichts, wenn das was sich einem so üppig anbot, aus nichts als Gewohnten bestand. Ich lag in meinem Bett in meiner winzigen Wohnung und blickte aus den großen Fenstern auf den betonierten Balkon, der mit einem von mir in mühevoller Arbeit angebrachten fragilen, aber wirksamen Taubennetz versehen war. Seit mein Balkon geschützt war, nisteten die Tauben zwar nur noch auf den Nachbarbalkonen, weckten mich aber dennoch jeden Morgen bei Sonnenaufgang mit einem mehrstimmigen Gurren. Ein allmorgendliches Grauen! Davon abgesehen aber mochte ich meine kleine Wohnung. Schließlich hatte ich sie eigenhändig renoviert: Tapeten ab, Wände und Decken gestrichen, Teppich raus, einen hochwertigen Laminatboden verlegt, Balkon grundgereinigt und mit warmen Holzfliesen ausgestattet... Gut, für das Verlegen des Bodens hatte ich mir einen Mann gemietet und bei dem Abspachteln der Decke half mir ein Freund, doch der Rest war ganz allein mein Werk. Und dieses Werk wollte ich nun wirklich mir nichts dir nichts hinter mir lassen?


„Was hält mich eigentlich noch in München?“ Es war ein Montag, an dem ich mich dies fragte. Nicht, dass ich die Schönste aller Städte nicht mehr mochte. Im Gegenteil. Ich verehrte sie nahezu, denn war München nicht der Inbegriff von Eleganz und Kultiviertheit? Doch ich kannte die Stadt einfach in- und auswendig und für Überraschungen war München nicht wirklich zu haben. Auch neue Menschen kennenzulernen war in München in der Zeit von Anfang Oktober bis Mitte September ein Kraftakt, was noch dadurch verstärkt wurde, dass ich die Hälfte der Woche ohnehin nicht Vorort war. Mein Job war in Heilbronn, eine über dreistündige Zugfahrt entfernt. „In diesem Umkreis gibt es auch andere interessante Städte“, sagte ich mir. Es gab also keinen Grund für mich, meinen Hauptwohnsitz nicht anderswohin zu verlegen. Die Frage war nur: wohin? Ich überlegte. Mein erstes Kriterium war, dass es sich um eine, für deutsche Verhältnisse, große Großstadt handeln musste. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, in einem kleinen Ort, in dem jeder jeden kannte. Ein Trauma, welches ich in diesem Leben vermutlich nicht mehr überwinden würde. Unter einer Million Einwohner fühlte ich mich beobachtet, daher schied auch mein Arbeitsort Heilbronn aus. Nach New York verlangte es mich, nach Paris oder nach Berlin! Doch diese Optionen, so erbaulich sie doch waren, fielen alle flach, da ich diese Entfernung unmöglich zweimal pro Woche mit dem Gehalt einer frisch promovierten Wissenschaftlerin pendeln konnte.


Von München nach... Stuttgart?


Etwas mehr Räson musste ich bei der Wahl meines künftigen Wohnortes also walten lassen, weshalb mir Stuttgart in den Sinn kam. „Würde ich nach Stuttgart ziehen, könnte ich gar meine seit Jahren bestehende doppelte Haushaltsführung an den Nagel hängen“, frohlockte mein Über-Ich. Das war aber auch das Einzige in mir, was frohlockte, der Rest sträubte sich ganz vehement. Ganz ehrlich, würden Sie als Nicht-Schwabe aus freien Zügen nach Stuttgart ziehen? Ich wette, die Hälfte der dort Zugereisten folgte irgendwelchen äußeren Zwängen: Job, Beziehung oder sonstigen Druckmitteln. Sicherlich ist Stuttgart eine Stadt von Format, aber eben von schwäbischem Format. Das Motto dort lautet: Sparen statt Prahlen. Wie sollte ich als München-Sozialisierte und noch dazu Halb-Italienerin damit zurechtkommen? Stuttgart war in meinen Augen eine beängstigend brave Stadt. Sie erinnerte mich an ein hochfrequentiertes Bienennest, insbesondere dann, wenn ich sie mit dem Auto zu durchqueren versuchte. Ein schwarzer Mercedes nach dem anderen summte in den verwirrenden Tunnelstraßen an mir vorbei und reihte sich in nächster Sekunde erstaunlich agil vor meinen kleinen BMW ein. War Stuttgart nicht auch die einzige Stadt in Deutschland, in der die Leute tatsächlich noch die alte A-Klasse fuhren? Würde man alle in Deutschland käuflichen Autos in einem Beauty-Contest auffahren lassen, wäre es sicherlich die A-Klasse, die den letzten Platz belegen würde und zusätzlich noch die Auszeichnung des „Unsexiest Car Alive“ erhielte. Da müsste selbst Opel klein beigeben... Bevor ich Stuttgart kannte, dachte ich, Daimler würde die Verkaufszahlen seiner A-Klasse fälschen. In München kannte ich nur einen einzigen Menschen, der dieses Gefährt sein Eigen nannte. Er war Schwabe (und besaß eine Wohnung in Berlin-Prenzlauer Berg – noch Fragen?). Wie dem auch sei, von München nach Stuttgart ging gar nicht: diesen Kulturschock hätte ich nicht verkraftet. Es musste also eine andere Alternative her; eine Alternative innerhalb eines drei-Stunden-Radius rund um meine Arbeitsstätte, die mit mehr als einer Million Einwohner, einem ausgeprägten Kulturangebot und möglichst noch mit einem Quäntchen Kosmopolitismus aufwarten konnte. Ich konsultierte Google Maps und Google Maps entschied sich für Köln.


Google Maps entschied sich für Köln


„Juche, Kölle!“, das Frohlocken kam diesmal nicht von meinem Über-Ich. Ein Jahr zuvor hatte ich dort meinen ersten Karneval erlebt. Weiberfastnacht in den Rheinterrassen. Das war schon ganz, ganz große Klasse! „Oh mein Gott!“, dachte ich mir damals. Doch der liebe Gott zuckte nur ganz lässig mit den Schultern, denn, so lernte ich, hatte Karneval doch eine ähnliche Qualität wie das Oktoberfest in München, Après-Ski in Ischgl oder ein Urlaub auf Ibiza: Es handelte sich um ein Art Ausnahmezustand, der mit einem kollektiven Vergessen verbunden war und einer Generalamnesie unterlag. Das war Savoir-Vivre auf Kölsch und dass die Kölner es verstanden, ihr Leben in vollsten Zügen zu genießen, wusste ich bereits von dem Fünkchen Köln, das einmal an früherer Stelle in meinem Leben aufgeblitzt war. Sicherlich ging es in Köln nicht immer so leichtfüßig zu, sagte ich mir, doch interessant erschien mir die Stadt allemal, weshalb ich beschloss, mir umgehend und mindestens über die Karnevalszeit eine möblierte Untermiete zu suchen. Ich erkundigte mich bei Bekannten nach den Stadtteilen, in denen man in Köln leben sollte, erfuhr, dass es sich dabei um „Veedel“ handelte, suchte mir eine kleine Wohnung in der Südstadt, erfuhr, dass Wohnen in Köln nicht unbedingt günstiger war als Wohnen in München, zog eine Woche später ein und erlebte, dass die Wohnung, die ich mir aus der Ferne ermietet hatte, nur in einem einzigen Zimmer, nämlich im Schlafzimmer, mit einer Heizung ausgestattet war.



Es war furchtbar kalt in meinem ersten Winter in Köln! Aber ansonsten war alles wunderbar: der Rhein war nah und so viel größer als die Isar, es gab Schiffe (!), viele schöne Cafés ums Eck und alle Welt lächelte mich an! Ich war ganz verwirrt ob der Freundlichkeit und lernte vor lauter Schreck gleich eine Reihe außergewöhnlicher Menschen kennen. Nirgendwo sonst in Deutschland laufen die Menschen mit solch freundlichem Blick durch die Gegend. Nur ich ertappte mich noch allzu oft, wie ich eine Schnute zog, die darauf abzielte, fremde Menschen auf Distanz zu halten. In München lernt man, sich Unbekannte per Blick vom Leibe zu halten. Das Thema „Armlänge“ hätte sicherlich nicht aus Dieter Reiters Mund kommen können. Nicht-Münchner oder Ungeübte bezeichnen die bayerische Version des Selbstschutzes oft fälschlicherweise als Arroganz. Ein hartes Urteil, beruht doch der Münchner Habitus eigentlich auf sozialen Motiven, denn im Gegensatz zu Berlin interessieren sich die Münchner für das Wohlergehen ihrer Mitmenschen. Als Münchner geziemt es sich zu poltern und zu schimpfen, wenn ein Mitmensch es wagt, die innere Sicherheit durch einen Gang bei Rot über die Ampel in Gefahr zu bringen. Als Münchner muss man zum Schutz des regionalen Erholungswertes eingreifen, und eine unbedachte Person des Platzes verweisen, wenn diese es wagt, in der Sauna zu flüstern und zu lachen. Als Münchner gehört es sich auch, den Kleidungsstil seiner Mitmenschen mit einem pikierten Kopfschütteln zu quittieren, wenn diese das Stadtbild stören. Gut, dass ich in diesen Punkten nicht sehr lernfähig war, ich wäre in Köln aus dem Kopfschütteln nicht mehr herausgekommen.


Das Faszinierendste an Köln war dessen Selbstliebe. Gibt es in Deutschland eine andere Stadt, die einen derart intensiven und dennoch liebenswerten Lokalpatriotismus zelebriert? Nein. Die Kölner lieben ihre Stadt, obwohl sie nicht besonders hübsch ist und sie lieben ihren Fußballverein, obwohl er nicht besonders erfolgreich ist. Ist das nicht wahre Größe? Wenn sich mehr Teenager Köln zum Vorbild nehmen würden gäbe es weniger Essstörungen auf der Welt! Liebe dich selbst, trotz deiner Ecken und Kanten. Oder besser: Liebe dich selbst, gerade wegen deiner Ecken und Kanten! Köln ist da anderen Städten (und Menschen) meilenweit voraus. Anders kann man sich die Loblieder auf die Ringe wohl kaum erklären! Außerdem: Schön kann ja jeder, das beweist Düsseldorf.


Ein Leben ohne Berge, Brot und Bier


Als Münchnerin ist die Kölner Liebe zu sich selbst (scheinbar ohne ersichtlichen Grund) durchaus eine neue Erfahrung. Das Münchner Selbstbewusstsein stützt sich maßgeblich auf sein äußerliches Erscheinungsbild und seine Nähe zu den Bergen. Ja, ach... die Berge! Berge, Brot und Bier. Das sind wohl die drei Dinge, die ein Münchner am meisten in Köln vermisst. Ich selbst beschränke mich auf die zwei erstgenannten B’s. Die paar Hügelchen, die es angeblich in der Nähe Bonns gibt, können einen schwerlich darüber hinwegtrösten, dass man ab sofort brutto elf Stunden Fahrtzeit einkalkulieren sollte, wenn man Skifahren oder Wandern möchte. Und dann das Brot! Brot, besser gesagt, Pfisterbrot, das gibt es nicht in Köln. Auch wenn Merzenich einfach mal doppelt so große Semmeln (hier: Brötchen), Brezn (hier: Brezeln) und Krapfn (hier: Berliner) backt – mehr ist nicht immer besser. Kommen wir zum bittersten der drei B’s: das Bier. Ein Kölsch trinken gehen gehört in Köln definitiv zum Lebensstil. Das betrifft die Kneipe um die Ecke, aber auch den Wellness-Aufenthalt im Agrippabad: der „Kölsche Aufguss“ besteht nicht etwa in einem mit 4711 parfümierten Aufgusswasser, nein, stattdessen wird nach dem Saunaaufguss ein lecker Kölsch getrunken. Kein Wunder, dass sich das Rheinländisch immer ein wenig so anhörte, als ob sich der Sprecher schon das ein oder andere Gläschen hinter die Binde gekippt hat... Ich liebe dieses leichtfüßige Schwanken der Sprache im Rheinland. Für mich hört sich Rheinländisch immer ein wenig so an, als würde sich der Sprecher über das Hochdeutsche lustig machen: eine sehr akzentuierte Aussprache und doch in jedem Wort ein kecker Seitenhieb.


Aber zurück zur Kölschen Liebe zu ihrem Bier. Um es vorwegzunehmen: ich mag kein Bier. Ganz und gar nicht! Wasser und Wein – das sind meine Elemente. Bier trinke ich wirklich nur in Ausnahmefällen, z.B. auf der Wiesn, und mit Limo gestreckt. Unverdünnt bekomme ich das bittere Gesöff nur schwerlich hinunter: nach einer halben Maß ist Schluss; ab da verweigern mir meine Schluckmuskeln jeglichen Dienst. Die Riesenmaß vor mir bleibt halb gefüllt stehen und der schaumige Inhalt verwandelt sich in eine abgestandene Brühe (= Noagerl). Da kommt einem das kleinformatige Glas in Köln doch durchaus entgegen. Noch dazu erinnert das Dünnwandige an ein Weinglas. Es hat etwas Feines, Zartes und der Inhalt erinnert an Apfelschorle. Den Schaum sparen sich die Kölner von Anfang an. Voller Hoffnung also setze ich an und... uh! Uuuuuuuh! Es schmeckt... nicht wie Apfelschorle, eher wie ein mit Spülwasser verdünntes Noagerl. Aber gut, es ist ja nur ein Fingerhut voll, sage ich mir, mache gute Miene zum bösen Spiel und spüle die Spülwasser-Noagerl-Schorle rasch hinunter. Nach dem zweiten Glas habe ich den ersten Schock überwunden. Nach dem dritten Glas schmeckt es sogar ganz gut. Nach dem vierten Glas bin ich textsicher in Kölschen Liedern. Und nach dem fünften Glas habe ich das mit der Armlänge vergessen. Das böse Erwachen kommt am nächsten Morgen... Hatte ich jemals in meinem Leben solche Kopfschmerzen? Kann man von solch ein paar Fingerhütchen solche Kopfschmerzen bekommen? Darauf war ich nicht gefasst. In meiner kölschen Hausapotheke sah es ähnlich aus wie in meinem Kühlschrank: ein paar Vitamine, mehr nicht. „Kopfschmerztabletten sollten in Köln zur Standardausstattung einer Wohnung gehören“, denke ich. „Das sollte mit ins Kölsche Jrundjesetz. Bitte!“ Können Sie sich vorstellen, wie lange einem die fünfzig Meter bis zur nächsten Apotheke vorkommen können? Kölnerin zu werden war kein Zuckerschlecken!

Danke, Köln, für die schönen Jahre 2015 bis 2017 - in der Südstadt und in Lindenthal! Ich wünsche allen meinen Kölner Freunden, Bekannten, Studierenden und Geschäftspartnern eine glückliche Weihnachtszeit und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Dieser Artikel ist Euch gewidmet.


Niemals geht man so ganz irgendwas von mir bleibt hier es hat seinen Platz immer bei dir.


Nie verlässt man sich ganz

irgendwas von dir geht mit

es hat seinen Platz immer bei mir.

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Schlagworte: #köln #münchen #kolumne

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© 2020 Prof. Dr. Jessica Di Bella